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SIBO (Small Intestinal Bacterial Overgrowth) ist eine häufig übersehene Ursache für Verdauungsbeschwerden wie Blähungen und Reizdarm-Symptome. Durch einen übermäßigen Bakterienwuchs im Dünndarm – wo normalerweise nur wenige Bakterien vorkommen sollten – entstehen typische Beschwerden wie Blähbauch, Völlegefühl, Bauchschmerzen und unregelmäßiger Stuhlgang. Da diese Symptome denen eines Reizdarmsyndroms stark ähneln, wird SIBO oft fehldiagnostiziert oder übersehen.

Viele Menschen leiden unter chronischen Verdauungsbeschwerden wie Blähungen, Bauchschmerzen und unregelmäßigem Stuhlgang. Oft wird die Diagnose Reizdarm gestellt – doch in vielen Fällen steckt eine andere, häufig übersehene Ursache dahinter: SIBO, die bakterielle Fehlbesiedelung des Dünndarms. Diese Erkrankung betrifft Millionen von Menschen weltweit, bleibt aber häufig unerkannt. Dabei kann die richtige Diagnose und Behandlung zu einer deutlichen Verbesserung der Lebensqualität führen.

Was ist SIBO?

SIBO steht für Small Intestinal Bacterial Overgrowth, auf Deutsch: bakterielle Dünndarmfehlbesiedelung. Normalerweise befinden sich die meisten Darmbakterien im Dickdarm, während der Dünndarm relativ keimarm ist. Bei SIBO kommt es zu einer übermäßigen Vermehrung von Bakterien im Dünndarm – oft sind es Bakterien, die eigentlich in den Dickdarm gehören.

Diese Fehlbesiedelung führt zu einer Reihe von Problemen. Die Bakterien fermentieren Nahrungsbestandteile bereits im Dünndarm, was zu übermäßiger Gasbildung führt. Zudem können sie die Aufnahme von Nährstoffen beeinträchtigen und die Darmschleimhaut schädigen. Das Resultat sind die typischen Symptome, die oft fälschlicherweise als Reizdarm diagnostiziert werden.

Die verschiedenen SIBO-Typen

Man unterscheidet hauptsächlich drei Typen von SIBO, je nachdem welche Gase die Bakterien produzieren. Beim Wasserstoff-SIBO (H2-SIBO) produzieren die Bakterien hauptsächlich Wasserstoffgas. Dies ist die häufigste Form und führt typischerweise zu Durchfall. Beim Methan-SIBO, auch IMO (Intestinal Methanogen Overgrowth) genannt, werden Methanogene – eigentlich Archaeen und keine Bakterien – übermäßig vermehrt. Diese Form geht häufig mit Verstopfung einher. Der Schwefelwasserstoff-SIBO (H2S-SIBO) ist die am wenigsten erforschte Form und kann besonders unangenehme Symptome wie übelriechende Blähungen verursachen.

Symptome: Mehr als nur ein Blähbauch

Die Symptome von SIBO sind vielfältig und können von Person zu Person variieren. Das Leitsymptom ist ein aufgeblähter Bauch, der besonders nach dem Essen auftritt. Viele Betroffene berichten, dass ihr Bauch morgens noch flach ist, sich aber im Laufe des Tages zunehmend aufbläht – manchmal so stark, dass Kleidung nicht mehr passt.

Weitere häufige Symptome sind Bauchschmerzen und Krämpfe, die oft wellenförmig auftreten. Durchfall und Verstopfung können abwechselnd oder einzeln auftreten, je nach SIBO-Typ. Viele Patienten leiden unter übermäßigen Blähungen mit starkem Gasabgang. Die Gase können dabei besonders unangenehm riechen, was für Betroffene sehr belastend sein kann.

Systemische Beschwerden

SIBO beschränkt sich nicht nur auf den Verdauungstrakt. Durch die gestörte Nährstoffaufnahme kann es zu Mangelerscheinungen kommen. Besonders häufig sind Vitamin-B12-Mangel, Eisenmangel und ein Mangel an fettlöslichen Vitaminen wie Vitamin D. Dies kann zu Müdigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und einem geschwächten Immunsystem führen.

Viele SIBO-Patienten berichten zudem von Hautproblemen wie Akne oder Rosacea, Gelenkschmerzen und neurologischen Symptomen wie Brain Fog – einem Gefühl von geistiger Benommenheit. Auch Nahrungsmittelunverträglichkeiten, die vorher nicht bestanden, können sich entwickeln oder verstärken.

Ursachen: Wie entsteht SIBO?

SIBO entsteht nicht über Nacht, sondern entwickelt sich meist über einen längeren Zeitraum. Der Körper verfügt normalerweise über mehrere Schutzmechanismen, die eine bakterielle Überwucherung im Dünndarm verhindern. Dazu gehören die Magensäure, die viele Bakterien abtötet, die Darmmotilität, die Bakterien in Richtung Dickdarm transportiert, und das Immunsystem der Darmschleimhaut.

Gestörte Darmmotilität

Eine der häufigsten Ursachen für SIBO ist eine gestörte Darmbewegung. Der sogenannte Migrierende Motorische Komplex (MMK) ist eine wellenartige Bewegung, die zwischen den Mahlzeiten den Dünndarm reinigt und Bakterien in den Dickdarm befördert. Wird dieser Mechanismus gestört – etwa durch bestimmte Medikamente, Diabetes, Schilddrüsenerkrankungen oder neurologische Erkrankungen – können sich Bakterien im Dünndarm ansiedeln.

Strukturelle Probleme

Anatomische Veränderungen können ebenfalls zu SIBO führen. Dazu gehören Verengungen oder Verwachsungen im Darm nach Operationen, Divertikel im Dünndarm oder eine gestörte Ileozökalklappe – das Ventil zwischen Dünn- und Dickdarm. Auch ein zu niedriger Magensäurespiegel, etwa durch die langfristige Einnahme von Protonenpumpenhemmern (Magensäureblockern), erhöht das SIBO-Risiko erheblich.

Weitere Risikofaktoren

Bestimmte Grunderkrankungen erhöhen das Risiko für SIBO. Dazu zählen chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn, Zöliakie, Diabetes mellitus und Autoimmunerkrankungen. Auch eine Lebensmittelvergiftung kann der Auslöser sein – das sogenannte Post-Infektiöse Reizdarmsyndrom entwickelt sich nicht selten zu SIBO. Stress, eine unausgewogene Ernährung und häufiger Antibiotikaeinsatz können das Darmmilieu ebenfalls negativ beeinflussen.

Diagnose: Der Atemtest als Goldstandard

Die Diagnose von SIBO ist nicht immer einfach, da die Symptome denen anderer Verdauungsstörungen ähneln. Der Wasserstoff-Methan-Atemtest gilt als Goldstandard für die Diagnose. Dabei trinkt der Patient eine Zuckerlösung (meist Glukose oder Laktulose) auf nüchternen Magen. Anschließend wird über mehrere Stunden hinweg in regelmäßigen Abständen die Atemluft auf Wasserstoff und Methan untersucht.

Wenn Bakterien im Dünndarm den Zucker fermentieren, entstehen diese Gase, die über das Blut in die Lunge gelangen und ausgeatmet werden. Ein Anstieg der Gaswerte innerhalb der ersten 90 bis 120 Minuten deutet auf SIBO hin. Der Test kann bequem zu Hause durchgeführt werden und die Proben werden dann an ein Labor geschickt.

Weitere Diagnosemöglichkeiten

Neben dem Atemtest können Blutuntersuchungen Hinweise auf SIBO geben, insbesondere wenn Nährstoffmängel nachgewiesen werden. Eine Stuhluntersuchung kann das Mikrobiom im Dickdarm analysieren und andere Ursachen für die Beschwerden ausschließen. In seltenen Fällen wird eine Dünndarmbiopsie durchgeführt, bei der während einer Endoskopie Gewebeproben entnommen werden.

Behandlung: Ein mehrstufiger Ansatz

Die Behandlung von SIBO erfordert meist einen ganzheitlichen Ansatz, der mehrere Komponenten umfasst. Das Ziel ist es, die überschüssigen Bakterien zu reduzieren, die Darmgesundheit wiederherzustellen und Rückfälle zu verhindern.

Antibiotische Therapie

Die klassische Behandlung erfolgt mit Antibiotika. Rifaximin ist das am häufigsten eingesetzte Antibiotikum bei SIBO, da es kaum ins Blut aufgenommen wird und hauptsächlich im Darm wirkt. Bei Methan-SIBO wird es oft mit Neomycin kombiniert. Die Behandlung dauert in der Regel 10 bis 14 Tage. Allerdings kommt es bei vielen Patienten nach einiger Zeit zu einem Rückfall, weshalb die Behandlung der Grundursache entscheidend ist.

Pflanzliche Alternativen

Pflanzliche Antimikrobiotika stellen eine Alternative oder Ergänzung zur antibiotischen Therapie dar. Studien haben gezeigt, dass Kombinationen aus Berberin, Oreganoöl, Nelkenöl und anderen pflanzlichen Wirkstoffen ähnlich effektiv sein können wie Rifaximin. Diese Behandlung dauert meist länger, etwa vier bis sechs Wochen, wird aber von vielen Patienten gut vertragen.

Ernährungstherapie

Die Ernährung spielt eine zentrale Rolle in der SIBO-Behandlung. Die Low-FODMAP-Diät hat sich als besonders hilfreich erwiesen. FODMAPs sind fermentierbare Kohlenhydrate, die von den Bakterien im Dünndarm verstoffwechselt werden und zu Symptomen führen. Durch die Reduktion dieser Nahrungsbestandteile können die Beschwerden deutlich gelindert werden.

Wichtig ist, dass die Low-FODMAP-Diät nur vorübergehend und unter fachlicher Anleitung durchgeführt wird, da sie sehr restriktiv ist. Nach der Eliminationsphase werden die Lebensmittel schrittweise wieder eingeführt, um individuelle Verträglichkeiten zu testen. Andere Ernährungsansätze wie die Spezifische Kohlenhydrat-Diät (SCD) oder die Elementardiät können in bestimmten Fällen ebenfalls sinnvoll sein.

Prokinetika und Motilitätsförderung

Um Rückfälle zu verhindern, ist es wichtig, die Darmmotilität zu verbessern. Prokinetika sind Medikamente oder natürliche Substanzen, die die Darmbewegung anregen. Dazu gehören verschreibungspflichtige Medikamente wie Prucaloprid, aber auch natürliche Alternativen wie Ingwer, 5-HTP oder spezielle Kräutermischungen. Diese sollten idealerweise vor dem Schlafengehen eingenommen werden, um den MMK über Nacht zu unterstützen.

Prävention und Langzeitmanagement

Nach erfolgreicher Behandlung ist es wichtig, Maßnahmen zu ergreifen, um einen Rückfall zu verhindern. Dazu gehört die Behandlung der zugrunde liegenden Ursache – sei es die Optimierung der Magensäureproduktion, die Behandlung einer Schilddrüsenunterfunktion oder die Verbesserung der Stressbewältigung.

Regelmäßige Bewegung unterstützt die Darmmotilität auf natürliche Weise. Auch Essenspausen von mindestens vier bis fünf Stunden zwischen den Mahlzeiten geben dem MMK Zeit, seine reinigende Funktion auszuüben. Der Verzicht auf ständiges Snacken ist daher ein wichtiger Faktor in der Langzeitprävention.

Stressmanagement

Chronischer Stress kann die Darmmotilität negativ beeinflussen und das Immunsystem schwächen. Entspannungstechniken wie Meditation, Yoga oder Atemübungen können helfen, das Stressniveau zu senken. Auch ausreichend Schlaf ist für die Darmgesundheit von großer Bedeutung.

Fazit: SIBO erkennen und behandeln

SIBO ist eine häufige, aber oft übersehene Ursache für chronische Verdauungsbeschwerden. Die Symptome überschneiden sich stark mit dem Reizdarmsyndrom, weshalb viele Betroffene jahrelang ohne richtige Diagnose bleiben. Dabei kann ein einfacher Atemtest Klarheit schaffen und den Weg zu einer gezielten Behandlung ebnen.

Die Therapie erfordert einen ganzheitlichen Ansatz, der antimikrobielle Behandlung, Ernährungsumstellung und die Verbesserung der Darmmotilität kombiniert. Besonders wichtig ist es, die zugrunde liegende Ursache zu identifizieren und zu behandeln, um langfristige Erfolge zu erzielen.

Wenn Sie unter chronischen Verdauungsbeschwerden leiden, die trotz verschiedener Behandlungsversuche nicht besser werden, sollten Sie mit Ihrem Arzt über die Möglichkeit einer SIBO-Testung sprechen. Mit der richtigen Diagnose und Behandlung können viele Betroffene eine deutliche Verbesserung ihrer Lebensqualität erreichen und endlich wieder beschwerdefrei leben.