Das Lymphsystem ist ein oft unterschätztes, aber lebenswichtiges Netzwerk in unserem Körper. Es arbeitet unermüdlich im Hintergrund, um Abfallstoffe zu entsorgen, das Immunsystem zu unterstützen und den Flüssigkeitshaushalt zu regulieren. Doch was geschieht, wenn dieser wichtige Reinigungsmechanismus ins Stocken gerät? Ein gestautes Lymphsystem kann weitreichende Folgen haben – von sichtbaren Schwellungen über erhöhte Infektanfälligkeit bis hin zu chronischen Beschwerden. In diesem Artikel erfahren Sie, wie es zu einem Lymphstau kommt, welche Symptome darauf hinweisen und was Sie dagegen tun können.
Was ist das Lymphsystem und welche Aufgaben erfüllt es?
Das Lymphsystem ist ein komplexes Netzwerk aus Lymphgefäßen, Lymphknoten und lymphatischen Organen, das parallel zum Blutkreislauf verläuft. Anders als das Herz-Kreislauf-System besitzt das Lymphsystem jedoch keine zentrale Pumpe wie das Herz. Stattdessen wird die Lymphflüssigkeit durch Muskelbewegungen, Atmung und die Pulsation benachbarter Arterien transportiert.
Die Hauptaufgaben des Lymphsystems umfassen die Drainage von Gewebeflüssigkeit, den Abtransport von Stoffwechselabfällen, Krankheitserregern und entarteten Zellen sowie die Produktion und den Transport von Immunzellen. Täglich werden etwa zwei bis vier Liter Lymphflüssigkeit durch den Körper bewegt – ein beeindruckender Reinigungsprozess, der meist völlig unbemerkt abläuft.
Wie entsteht ein Lymphstau?
Ein Lymphstau, medizinisch auch als Lymphödem bezeichnet, entsteht, wenn die Transportkapazität des Lymphsystems nicht ausreicht, um die anfallende Lymphflüssigkeit abzutransportieren. Dies kann verschiedene Ursachen haben, die grundsätzlich in primäre und sekundäre Lymphödeme unterteilt werden.
Primäre Lymphödeme
Primäre Lymphödeme sind angeboren und beruhen auf Fehlbildungen des Lymphsystems. Diese können bereits bei der Geburt vorhanden sein oder sich erst im Laufe des Lebens manifestieren. Häufig sind zu wenige oder zu schmale Lymphgefäße angelegt, oder die Lymphknoten sind unterentwickelt. Primäre Lymphödeme sind mit einer geschätzten Häufigkeit von etwa 1:6.000 bei Geburt relativ selten und betreffen deutlich häufiger Frauen als Männer.
Sekundäre Lymphödeme
Sekundäre Lymphödeme sind deutlich häufiger und entstehen durch äußere Einflüsse oder Erkrankungen. Zu den häufigsten Ursachen zählen operative Eingriffe, bei denen Lymphknoten entfernt wurden – besonders nach Krebsoperationen im Brust-, Unterleibs- oder Beckenbereich. Auch Bestrahlungen im Rahmen einer Krebstherapie können das Lymphsystem schädigen und zu Stauungen führen.
Weitere Ursachen für sekundäre Lymphödeme sind Verletzungen, Entzündungen, Infektionen wie Erysipel, Tumore, die Lymphgefäße komprimieren, sowie chronische venöse Insuffizienz. Auch extreme Bewegungsarmut, etwa bei Bettlägerigkeit, kann zu einem verlangsamten Lymphfluss führen.
Typische Symptome eines gestauten Lymphsystems
Die Anzeichen eines Lymphstaus entwickeln sich oft schleichend und werden anfangs häufig unterschätzt. Das charakteristischste Symptom ist eine sichtbare Schwellung, die typischerweise an Armen oder Beinen auftritt, aber auch Gesicht, Rumpf oder Genitalbereich betreffen kann.
Schwellungen und ihre Besonderheiten
Die Schwellung bei einem Lymphödem fühlt sich zunächst weich an und lässt sich eindrücken. Im fortgeschrittenen Stadium wird das Gewebe jedoch zunehmend hart und fibrotisch. Ein typisches Zeichen ist das sogenannte Stemmer-Zeichen: Die Hautfalte an der Basis der zweiten Zehe oder des zweiten Fingers lässt sich nicht mehr abheben. Dieses Phänomen gilt als relativ sicherer Hinweis auf ein Lymphödem.
Anders als bei anderen Schwellungsursachen bessert sich ein Lymphödem durch Hochlagern der betroffenen Extremität nur geringfügig oder gar nicht. Zudem tritt die Schwellung anfangs oft asymmetrisch auf – nur an einem Arm oder Bein.
Spannungsgefühl und Schmerzen
Betroffene berichten häufig von einem unangenehmen Spannungsgefühl oder Schweregefühl in der betroffenen Region. Die Haut kann sich gespannt anfühlen, und es können ziehende oder drückende Schmerzen auftreten. Die Beweglichkeit der Gelenke kann durch die Schwellung eingeschränkt sein, was den Alltag erheblich beeinträchtigt.
Hautveränderungen
Im Verlauf eines chronischen Lymphstaus verändert sich die Haut: Sie wird dicker, verhärtet und verliert ihre Elastizität. Es können Hautfalten entstehen, die Hautoberfläche wird rauer, und in schweren Fällen entwickeln sich warzenähnliche Wucherungen. Die Haut ist außerdem anfälliger für Verletzungen und heilt schlechter.
Erhöhte Infektanfälligkeit durch Lymphstau
Ein gestautes Lymphsystem schwächt die lokale Immunabwehr erheblich. Die stagnierende Lymphflüssigkeit bildet einen idealen Nährboden für Bakterien und andere Krankheitserreger. Gleichzeitig können Immunzellen nicht mehr effektiv zu den betroffenen Bereichen transportiert werden.
Erysipel – die gefürchtete Komplikation
Eine der häufigsten und gefährlichsten Komplikationen eines Lymphödems ist das Erysipel, auch Wundrose genannt. Diese bakterielle Hautinfektion wird meist durch Streptokokken verursacht und äußert sich durch scharf begrenzte, hochrote, überwärmte und schmerzhafte Hautrötungen. Begleitend treten oft Fieber, Schüttelfrost und ein ausgeprägtes Krankheitsgefühl auf.
Besonders problematisch ist, dass ein Erysipel das Lymphsystem weiter schädigt und so einen Teufelskreis in Gang setzt: Das Lymphödem begünstigt Infektionen, und jede Infektion verschlimmert wiederum das Lymphödem. Unbehandelt kann ein Erysipel lebensbedrohlich werden und muss daher umgehend mit Antibiotika behandelt werden.
Weitere Infektionsrisiken
Neben dem Erysipel sind Menschen mit Lymphstau anfälliger für Pilzinfektionen, insbesondere in den Zehenzwischenräumen oder Hautfalten. Auch kleine Verletzungen, Insektenstiche oder Bagatelltraumen können schwerwiegendere Folgen haben als bei Gesunden und sollten sorgfältig beobachtet und desinfiziert werden.
Diagnostik: Wie wird ein Lymphstau festgestellt?
Die Diagnose eines Lymphödems beginnt mit einer gründlichen Anamnese und körperlichen Untersuchung. Der Arzt fragt nach Vorerkrankungen, Operationen, Bestrahlungen und dem zeitlichen Verlauf der Beschwerden. Bei der Untersuchung werden Umfangsmessungen durchgeführt, das Stemmer-Zeichen geprüft und die Hautbeschaffenheit beurteilt.
Zur weiteren Abklärung kommen bildgebende Verfahren zum Einsatz. Die Lymphszintigraphie gilt als Goldstandard: Dabei wird eine schwach radioaktive Substanz in die Haut gespritzt, deren Verteilung und Transport durch das Lymphsystem mit einer speziellen Kamera verfolgt wird. Auch Ultraschalluntersuchungen können wertvolle Informationen liefern und andere Ursachen für Schwellungen ausschließen.
In manchen Fällen werden MRT oder CT eingesetzt, um Tumore oder andere strukturelle Veränderungen zu erkennen, die den Lymphabfluss behindern könnten.
Behandlungsmöglichkeiten bei Lymphstau
Ein Lymphödem ist in den meisten Fällen nicht heilbar, lässt sich aber mit konsequenter Therapie gut kontrollieren. Die Behandlung basiert auf mehreren Säulen, die optimalerweise kombiniert werden.
Komplexe Physikalische Entstauungstherapie (KPE)
Die KPE ist die Standardtherapie bei Lymphödemen und besteht aus mehreren Komponenten. Die manuelle Lymphdrainage ist eine spezielle Massagetechnik, bei der mit sanften, rhythmischen Bewegungen die Lymphflüssigkeit in Richtung funktionstüchtiger Lymphgefäße verschoben wird. Diese Behandlung sollte nur von speziell ausgebildeten Therapeuten durchgeführt werden.
Nach der Lymphdrainage erfolgt eine Kompressionstherapie mit speziellen Bandagen oder medizinischen Kompressionsstrümpfen. Diese halten den entstauten Zustand aufrecht und verhindern, dass sich erneut Flüssigkeit ansammelt. Die Kompression muss konsequent getragen werden – meist täglich und über viele Stunden.
Bewegungstherapie
Gezielte Bewegung ist ein wichtiger Bestandteil der Lymphödembehandlung. Durch Muskelkontraktionen wird der Lymphfluss angeregt. Besonders empfehlenswert sind Sportarten wie Schwimmen, Nordic Walking, Radfahren oder spezielle Lymphgymnastik. Wichtig ist, dass die Bewegung unter Kompression stattfindet und nicht zu intensiv ausfällt.
Hautpflege und Infektionsprophylaxe
Eine sorgfältige Hautpflege ist essentiell, um Infektionen vorzubeugen. Die Haut sollte täglich mit pH-neutralen, rückfettenden Produkten gepflegt werden, um die Hautbarriere zu stärken. Verletzungen müssen vermieden und kleine Wunden sofort desinfiziert werden. Beim Arbeiten im Garten oder Haushalt sind Schutzhandschuhe empfehlenswert.
Operative Verfahren
In ausgewählten Fällen können operative Verfahren erwogen werden. Bei lympho-venösen Anastomosen werden Lymphgefäße mit kleinen Venen verbunden, um alternative Abflusswege zu schaffen. Lymphknotentransplantationen sind eine weitere Option. Diese mikrochirurgischen Eingriffe werden nur in spezialisierten Zentren durchgeführt und kommen nicht für alle Patienten infrage.
Prävention: So beugen Sie einem Lymphstau vor
Wer ein erhöhtes Risiko für Lymphödeme hat, etwa nach Krebsoperationen mit Lymphknotenentfernung, sollte präventive Maßnahmen ergreifen. Dazu gehört, Verletzungen und Entzündungen an der gefährdeten Extremität zu vermeiden. Blutentnahmen, Injektionen oder Blutdruckmessungen sollten möglichst am anderen Arm durchgeführt werden.
Extreme Hitze, etwa durch Sauna, heiße Bäder oder intensive Sonneneinstrahlung, kann das Risiko erhöhen und sollte gemieden werden. Auch starke Temperaturwechsel sind ungünstig. Beim Fliegen empfehlen sich Kompressionsstrümpfe, da der Druckabfall in der Kabine den Lymphfluss beeinträchtigen kann.
Übergewicht ist ein bedeutender Risikofaktor für Lymphödeme. Eine gesunde Ernährung und regelmäßige Bewegung tragen daher wesentlich zur Prävention bei. Gleichzeitig sollten einschnürende Kleidung und schweres Heben vermieden werden.
Leben mit einem Lymphödem: Praktische Alltagstipps
Ein Lymphödem erfordert Anpassungen im Alltag, bedeutet aber keineswegs den Verzicht auf Lebensqualität. Viele Betroffene führen ein weitgehend normales Leben, wenn sie einige Grundregeln beachten.
Die konsequente Kompressionstherapie mag anfangs mühsam erscheinen, wird aber meist zur Routine. Moderne Kompressionsstrümpfe sind deutlich komfortabler und ästhetischer als früher. Anziehhilfen erleichtern das tägliche Anlegen erheblich.
Regelmäßige Kontrolltermine beim Arzt oder Lymphtherapeuten sind wichtig, um den Verlauf zu überwachen und die Therapie anzupassen. Bei Anzeichen einer Infektion – Rötung, Überwärmung, Fieber – sollte umgehend ärztliche Hilfe gesucht werden.
Der Austausch mit anderen Betroffenen, etwa in Selbsthilfegruppen, kann emotional unterstützend wirken und wertvolle praktische Tipps liefern. Auch psychologische Unterstützung kann hilfreich sein, da ein chronisches Lymphödem die Lebensqualität beeinträchtigen und zu psychischen Belastungen führen kann.
Fazit: Frühzeitige Behandlung ist entscheidend
Ein gestautes Lymphsystem ist mehr als nur ein kosmetisches Problem – es kann zu erheblichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen und die Lebensqualität deutlich mindern. Die Schwellungen sind dabei nur das sichtbare Symptom eines gestörten Transportsystems, das auch die Immunabwehr schwächt und das Infektionsrisiko erhöht.
Die gute Nachricht ist: Je früher ein Lymphstau erkannt und behandelt wird, desto besser lässt er sich kontrollieren. Mit der komplexen physikalischen Entstauungstherapie steht eine wirksame Behandlungsmethode zur Verfügung, die bei konsequenter Anwendung gute Ergebnisse erzielen kann. Wichtig ist, dass Betroffene aktiv an ihrer Therapie mitwirken, die Kompression konsequent durchführen und auf sorgfältige Hautpflege achten.
Wenn Sie anhaltende Schwellungen bemerken, die sich durch Hochlagern nicht bessern, oder wenn Sie zu einer Risikogruppe gehören, sollten Sie nicht zögern, ärztlichen Rat einzuholen. Ein Lymphödem entwickelt sich meist über längere Zeit, und jeder Tag früher Behandlung kann helfen, Komplikationen zu vermeiden und die Lebensqualität zu erhalten.
Dieser Ratgeber dient ausschließlich zu Informationszwecken und ersetzt keine medizinische Beratung oder Diagnose. Bei anhaltenden Beschwerden konsultieren Sie bitte einen Arzt. Nahrungsergänzungsmittel und Heilpflanzen sollten nicht ohne Rücksprache mit einem Therapeuten eingenommen werden.
